Stadtrundgang : Stadtentwicklungsprogramm, Partizipation und Kunst mit Natalie Meissner

Am Mittwoch, den 06. Oktober 2021 haben sich die Studierenden, Alumnis und Lehrenden des Deutsch-Französischen Studienprogramms der Kulturvermittlung für den Stadtrundgang mit Natalie Meissner am Hafen von La Joliette zusammengefunden.

Hangar J1

Unsere erste Station ist das Hafengebäude am Hangar 1 Europort Marseille, vor dem wir uns gesammelt haben. Es hat uns ein ungewöhnlich starker Wind begleitet, der jedoch typisch für Marseille ist und wir haben die Atmosphäre des Meeres, des Hafens und der Stadt Marseille mit unserer Ankunft am Treffpunkt direkt zu spüren bekommen.
Der Hangar 1 ist ein großer Betonbau, seine Ästhetik erinnert an Industrie, Handel und Logistik. Er wirkt durch seine Abgeschlossenheit als Hafenareal mit der Weite des Horizontes im Hintergrund auf den ersten Blick nicht nach einem Ort, an dem kulturelle Begegnungen stattfinden. Doch der Hangar 1 nahe der Metro-Station La Joliette ist kein gewöhnlicher Hangar : Mit dem Auftakt Marseilles zur Kulturhauptstadt Europa im Jahr 2013 wurde in der oberen Etage des Hangars eine Ausstellung eingerichtet, mitsamt einem Fotostudio, einem Grafikstudio und dem “Atelier du Large". Der besondere Hafencharakter des Gebäudes macht die Nutzung dessen als Ausstellungsort umso interessanter. Wir hören von Uli Rößle, die sich als Zeitzeugin der Eröffnung und als lange Mitarbeiterin des Projektes entpuppt, was sich hier getan hat. Uli hat uns auch Fotos mitgebracht, die damals Bestandteil der Ausstellung waren. Heute ist das Projekt leider zu Ende gegangen, aber es gibt neue Ideen, den Raum zu besetzen, und es finden aktuell Projektausschreibungen statt.

Seconde nature et les Docks

“Seconde nature” von Miguel chevalier und Charles Bové
Projektion eines virtuellen Gartens auf die Hafengebäude

Nachdem wir den Platz La Joliette überquert haben, sind wir an unserem zweiten Treffpunkt der Stadtführung angekommen. Wir befinden uns nun am Fuße einer großen Skulptur, die in warmen Orangetönen bemalt ist. Die Skulptur ist spiralförmig und erreicht eine Höhe von 18m. Sie steht direkt neben den Docks, am “Place d’Arvieux”. Nathalie erzählte uns, dass es sich hierbei um das Werk mit dem Titel “Seconde Nature” handelt, realisiert von dem Künstler Miguel Chevalier und dem Architekten und Designer Charles Bové im Jahr 2010. Durch eine Projektionskamera, die auf der Skulptur angebracht ist, wird in dem Werk das reelle und das virtuelle verbunden. Die Kamera projiziert einen virtuellen Garten auf die Fassade des Hafens. Im Zuge dessen hat Nathalie uns auch den überwältigenden Hafen von Marseille präsentiert : Die 356 Meter langen Hafengebäude sind heute ein Symbol der Stadt, welches das Treiben des Industrie-Hafens von Marseille Mitte des 19. Jh. bis zum Ende der Hafen-Aktivität im Jahr 1988 widerspiegelt.

FRAC

Dann überquerten wir die Straße und fanden uns gegenüber des FRAC Provence-Alpes-Côte d’Azur. Einer der Vermittler, Romain Timon, führte uns durch das Haus. Wir gingen an einer in Vorbereitung befindlichen Ausstellung zum Thema Brot vorbei, die die Neugier der Gruppe weckte und eine gewisse Belustigung auslöste. Dann kamen wir auf die Terrasse über dem Boulevard de Dunkerque, von der aus wir die Skulptur Seconde nature von Miguel Chevalier und Charles Bové noch einmal aus einer anderen Perspektive betrachten konnten.

Romain hat uns natürlich erklärt, was ein "Frac" ist. Dieses Akronym bedeutet "Regionaler Fonds für zeitgenössische Kunst". Es gibt also eine Frac pro Region, die für die Bewahrung, aber auch für die Verbreitung der Kunstsammlungen in ihrem Gebiet zuständig ist. Die Frac PACA bietet drei Ausstellungszyklen pro Jahr an. Sie führt auch zahlreiche Aktivitäten außerhalb des Hauses durch, wie z. B. den Verleih ihrer Werke. Romain erklärte uns, dass die Aufgabe der Frac darin besteht, dem Publikum künstlerische Werke zu vermitteln und es bei seiner Entdeckung zu begleiten. Er sagte auch, dass das Vermittlungsteam eine besondere Beziehung zu den Anwohnern aufbauen wollte. Sie arbeiten zunächst mit Schulen und Sozialzentren im Bezirk Joliette zusammen. Romain sprach auch über die Aufwertung dieses Viertels durch das Projekt Euroméditerranée - was angesichts des Themas des Spaziergangs sehr passend war. Das Viertel wird sein Gesicht verändern, denn es wird an der Sanierung des ehemals beliebten und heruntergekommenen Joliette gearbeitet.

Centre d’information Euroméditerranée

Unsere nächste Station ist das Informationszentrum von Euroméditerranée, ein Stadterneuerungsprojekt in Marseille, welches im Jahr 1989 begonnen hat. Das Zentrum ist gegenüber vom FRAC direkt am Platz Henri Verneuil gelegen. Wir werden von einer Mitarbeiterin empfangen, die uns über die Strukturen und Ziele der immensen Bebauungspläne berichtet, die zum großen Teil schon abgeschlossen sind. Während wir der Mitarbeiterin zuhören, stehen wir um eine detailreiche Miniatur der Innenstadt von Marseille, in welcher wir viele Plätze und Straßen, die uns schon bekannt sind, wiederentdecken können. Seit rund zwanzig Jahren entwirft, entwickelt und baut das EPA (Etablissement Public d’Aménagement) im Herzen von Marseille ein neues Stadtviertel, welches einem modernen und nachhaltigem Ideal einer Stadt von morgen entsprechen soll. Das Programm wird von dem Staat und den Gemeinden gesteuert, mit dem Ziel, das Viertel für ökonomische, soziale und kulturelle Zwecke attraktiver zu machen. Es haben sich mittlerweile viele Unternehmen in dem modernen Viertel angesiedelt. Das Geschäftsviertel fußt auf folgenden Sektoren : Immobilien, Baugewerbe, grünes Wachstum, Banken und Versicherungen, Gesundheit, Logistik, internationaler Handel, digitale Entwicklung und Tourismus.
Neben Büroflächen wurden auch Museen, ein Krankenhaus und Bildungseinrichtungen, Handelsstrukturen, Wohnungen, ein Bahnhof und Grünflächen gebaut. Der neue Bahnhof verfügt über eine Direktverbindung nach Paris, was ein Umsteigen am Marseiller Hauptbahnhof erspart. Das Projekt wird auch EcoCité genannt und wird von einem Investitionsprogramm begleitet, welches ein neues Ausmaß für Stadtentwicklung und innovative Technologien bereitstellen soll.

Théâtre de la Joliette

Nachdem wir das EPA Euroméditerranée wieder verlassen haben, finden wir uns zunächst nochmal auf dem Platz Henri Verneuil zusammen, bevor es weiter zu dem Theater de la Joliette geht. Hier schauen wir uns noch einmal um, und können uns angesichts der modernen Architektur vor der Hafenkulisse darüber bewusst werden, wie die neuen Bebauungspläne das Viertel verändert haben müssen und darüber, dass die einseitige Stadterneuerung und die gewollte Gentrifizierung durchaus kritisch zu betrachten ist.

Nachdem wir die vielen Aspekte der Stadtplanung diskutiert haben, über die wir in dem Büro informiert wurden, begeben wir uns in das Théâtre de la Joliette. Das Theater liegt unterhalb des EPA Euroméditerranée, es ist von außen eher unauffällig, von innen jedoch auf eine besondere Weise majestätisch. Dieser Eindruck wird nicht nur dadurch geprägt, dass das Theater ehemals ein Mühlenbetrieb war, und die geräumige Eingangshalle, bestehend aus alten industriellen Stahl- und Betonelementen mit einer eleganten Innenarchitektur kombiniert ist. Auch die Bibliothek, die das Theater pflegt, ist besonders erlebenswert. Der Bestand wird seit 1987 gehalten und bereichert und umfasst heute um die 10000 Werke, die sich mit der Darstellenden Kunst beschäftigen : Theaterstücke, theoretische Werke, Manuskripte und Zeitschriften. Das Theater selber ist ein Ort der Kreation und des künstlerischen Engagements mit moderner Schreibweise.

Die Bibliothek ist offen für alle Interessierte. Für Lehrende, Studierende, Kunstschaffende und Darstellende besteht die Möglichkeit, in ihren Recherchen nach Absprache unterstützt und begleitet zu werden. Das besondere an dieser Bibliothek ist jedoch ein entscheidendes Merkmal. Im Rahmen eines Kunstprojektes wurden alle Bücher der Bibliothek mit einem einfarbigen phosphoreszierenden Papier eingeschlagen. Dieses Papier funktioniert wie ein lebendiger Stoff, denn das Licht wird zuerst absorbiert und in der Dämmerung oder im totalen Dunkel wird das Licht wieder herausgegeben und die Bücher leuchten. Die Vereinheitlichung durch die augenscheinlich weißen Buchumschläge erlaubt, dass nicht einzelne Werke durch ihre Bilder, Farben und visuelle Codes im Vordergrund stehen. Die Idee ist, jedem einzelnen Buch die Möglichkeit zu geben, entdeckt und wiederentdeckt zu werden. Der Titel und der Name der Autorin oder des Autors bleibt auf der ersten Seite des Buches, sowie auf dem Cover und auf dem Rücken erkennbar. Die Bücher sind ebenso ausleihbar.
Nachdem wir uns mit der besonderen Bibliothek vertraut gemacht haben, durften wir auch noch einen Blick in den Theatersaal werfen. Der Saal erfüllt uns mit Spannung, was darauf zu sehen sein wird !

Archives et bibliothèque départementales

Anschließend gingen wir in den Garten neben dem Archiv und der Bibliothek der Abteilung. Dies ist die erste Einrichtung dieser Art in Frankreich : Die Unterbringung von Archiv und Bibliothek im selben Gebäude ist nicht üblich. Das Gebäude wurde von der Architektin Corinne Vezzoni entworfen. Es handelt sich jedoch nicht um eine öffentlich zugängliche Bibliothek, sondern um eine BDP, eine Leihbibliothek, die also Werke an andere, städtische Bibliotheken ausleiht. Das Gebäude beherbergt zahlreiche koloniale Archive, da Marseille mit seinem Hafen eine der ersten Anlaufstellen für die Einreise aus Nordafrika war. Der Ort entwickelt eine Vermittlung, die sich auf das Viertel konzentriert, und versucht, eine soziale Verbindung mit der Bevölkerung herzustellen, denn, wie Natalie betont, kam die Bibliothek/das Archiv mit einer gewissen Gewalt in das Viertel, ihre Errichtung wurde den Bewohnern aufgezwungen. Wie wir bei unserer Ankunft im Park feststellten, befindet sich an der Außenmauer des Gartens eine Ausstellung mit dem Titel Le Cantique des moineaux (Der Gesang der Spatzen), die von Hélène David (Fotografin), Aurélie Darbouret (Autorin) und Philippe Somnolet (Ethnograf) mit Hilfe des Departementsarchivs eingerichtet wurde. Die Bürgerinnen und Bürger der Region (Schulen, Gymnasien, Vereine) beteiligten sich durch Schreib- und Fotoworkshops an der Entwicklung dieser Ausstellung.

Ateliers Jeanne Barret

Nach dieser Station gab es nur noch ein Ziel : die Ateliers Jeanne Barret, ein Künstleratelier, das sich noch im Bau befinden, am Boulevard Sévigné 5 (13015) im Stadtteil Bougainville. Es handelt sich um eine Gruppe von bildenden und visuellen KünstlerInnen, sowie ArchitektInnen und LandschaftsarchitektInnen, die auf den von Euroméditerranée initiierten Projektaufruf "MOVE" reagiert haben. Wir wurden von drei Personen empfangen, aber in Wirklichkeit sind 22 Personen an diesem Projekt beteiligt, die allesamt Entscheidungstragende sind. Der Verband CIRCULAIRE beruht auf dem Prinzip der Horizontalität. Bei allen Entscheidungen, die den Ort und seine Aktivitäten betreffen, herrscht somit Konsens. Das Gebäude war früher eine Ölmühle ; die Künstlergruppe saniert es und plant den Bau eines zweiten Stockwerks. Die Jeanne-Barrets-Werkstätten werden von der Stadt, dem Departement und der Region unterstützt und übernehmen den Ort für 3 Jahre (der Mietvertrag kann dann verlängert werden). Der Raum ist Samstags für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Künstler arbeiten hauptsächlich mit zwei örtlichen Schulen zusammen, von denen sich eine in derselben Straße befindet. Warum heißt dieser Ort eigentlich "Jeanne Barret"-Werkstätten ? Jeanne Barret war die erste Frau, die mit Bougainvilles Expeditionen um die Welt reiste, und zwar als Assistentin des Botanikers. Dazu musste sie sich allerdings als Mann verkleiden !

Zum Abschluss des Spaziergangs gab es ein Getränk und ein leckeres Essen, zubereitet von der Cateringfirma La Marmite Joyeuse. Das war genug, um uns nach all dem Laufen im Wind, Kraft zu geben.


Enseigne à l’Aix-Marseille Université et organise des projets interculturels pour le cursus franco-allemand en médiation culturelle des Arts/Kulturvermittlung. De 2014 à 2017, au sein du Goethe-Institut Tunis, elle a été chargée de la conception et mise en œuvre d’une formation en gestion de projets culturels destinée aux adultes du secteur culturel tunisien. En 2012, elle a créé son enseigne « justMarseille ! » qui propose des balades urbaines et des voyages d’études sur des sujets de l’exil, de l’engagement citoyen dans l’espace urbain, et de traces de textes littéraires écrits à Marseille. Depuis, elle a aussi guidée dans de nombreuses expositions historiques et d’art contemporain, engagée par des structures à Marseille et Aix-en-Provence, comme les archives municipales, le MUCEM, le musée d’histoire de Marseille, le Site-mémorial du Camp des Milles, le musée Vasarely et l’Hôtel Caumont.

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