Nach der Schulzeit habe ich mich treiben lassen, habe bewusst Entscheidungen getroffen oder wieder verworfen. Ich bin sehr oft umgezogen, motiviert von meiner Neugier andere Lebensweisen und -orte kennenzulernen. In den Jahren 2013 bis 2016 war ich sehr glücklich über Marseille und Hildesheim als mein Zuhause. Mittlerweile bin ich in Karlsruhe gut verwurzelt, zumindest für „länger“. Hier arbeite ich freiberuflich als Tanzvermittlerin und habe zusätzlich eine Stelle am Institut für Fremdsprachen an der Hochschule. Zusammen mit Virginie, Eléonor oder Daria - alle drei ebenfalls Alumni - realisiere ich regelmäßig gemeinsame Tanz- bzw. Tanztheaterprojekte. Merci au double diplôme !
Vor ca. 10 Jahren habe ich meine Füße auf den Marseiller Boden gesetzt und bin durch ein wundervolles Studienjahr geschritten, gehüpft, getanzt. Es war ein dichtes Jahr – sowohl im universitären Kontext als auch in Marseille als Lebensort. Ich habe unglaublich viel gelernt : Ästhetik, Philosophie, Médiation de l‘art, … und wie ich mein Fahrrad repariere. Mein Blick auf Kunst hat sich verändert und geschärft. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Und das Tangotanzen en présence nicht zu vergessen – ça danse !
2016 habe ich in Hildesheim meinen Master abgeschlossen und bin erst einmal in der Nachbarschaft, in Hannover, gelandet. Von dort ging es nach Abidjan und dann eher zufällig nach Karlsruhe. Nach einer weiteren Zwischenstation auf dem Dorf bin ich seit Anfang 2023 zurück in Karlsruhe. Die Nähe zu Frankreich finde ich top. Ich fahre nicht oft rüber, aber allein das Gefühl, ich könnte es, tut gut.
Ich mochte immer das Hin und Her zwischen Deutschland und Frankreich. Marseille und Hildesheim sind wie Pinie und Tanne – sie verbindet die Kulturvermittlung, zeigen sich darin aber in sehr unterschiedlichem Gewand. Das macht den Master in meinen Augen so besonders. Ziemlich klare inhaltliche Vorgaben in Marseille, theoretischen Input sondergleichen, Marseille als Stadt unter die Lupe nehmen und das alles mehr oder weniger im Klassenverbund. Ich glaube, in meiner gesamten Studilaufbahn habe ich nie so viel „studiert“ wie in Marseille – für das Jahr war‘s genau das Richtige. Meine Kommiliton*innen sind mir über die Zeit echt ans Herz gewachsen. Auch wenn ich mit vielen keinen Kontakt mehr habe, ich habe sie alle vor mir, die Alyssas, die Paulines und die Valentins. In Hildesheim bin ich durch „Projekte“ voll in die Praxis und in die kulturelle Bildung eingetaucht. Die Domäne, mega viele Freiheiten im Studium, Stadträume für Begegnung und Kunst – sehr genossen habe ich das alles.
Das Tanzen begleitet mich seit über 20 Jahren. Tanz bedeutete immer Verwurzelung und Kontinuität – egal, wo ich meinen Lebensmittelpunkt setzte. Die ideale Mischung besteht für mich aus meiner eigenen Tanzpraxis, Tanzvermittlung sowie Tanzstücke ansehen, mich berühren lassen, nachsinnen, reflektieren. Manchmal frage ich mich, warum ich mich im Studium für den Schwerpunkt Bildende Kunst entschieden habe. Es gab „damals“ gute Gründe, aber im Nachhinein hätte ich eher Theater gewählt. Naja, so isch‘s.
In Hildesheim habe ich über eine kleine Tanztheater-Improgruppe sowie über Workshops an der ba in Wolfenbüttel immer mehr gespürt, dass ich die Sprache von Körpern in Bewegung spreche. Ich bin fasziniert von dieser Kommunikation ohne Worte. Ich kann in den Tanz eintauchen, so wie ich in die Begegnungen und Erzählungen eintauchen kann, die Fremdsprachen ermöglichen.
Körper und Narration haben auch im Rahmen eines Theaterprojekts von transeuropa eine große Rolle gespielt. Zusammen mit zwei weiteren Kommilitoninnen konnten wir das audiovisuelle Theaterprojekt "Am laufenden Band" mit Bewohner*innen aus einer Pflegeeinrichtung realisieren.
Die Zeit in Hildesheim hat mich immer wieder inspiriert und vor allem motiviert, an den darstellenden Künsten dran zu bleiben.
In meinen Jobs nach dem Studium habe ich danach gesucht, meine Leidenschaften zu verbinden : Kulturvermittlung, Tanz, Sprachen, Transkulturalität, Zielgruppe Kinder und ältere Generationen. Mal überwog der eine Bereich, mal der andere, aber immer spielten alle in irgendeiner Form eine Rolle. Kurz vor dem Tanzkongress 2016 in Hannover eröffnete sich die Möglichkeit zur Mitarbeit, danach durfte ich die erste Blaue Zone in Hannover mitgestalten ( https://www.die-blaue-zone.de/rueckblick). Das Team um den Pavillon und Spokusa war großartig, unsere Arbeit im Bereich Kulturmanagement und -vermittlung verlief absolut auf Augenhöhe. Meine Idee einer deutsch-französischen Tanzresidenz in einer Pflegeeinrichtung lag mir dabei besonders am Herzen. Die Blaue Zone ist mittlerweile fest in Hannover etabliert, entwickelt sich weiter, schlägt große und kleine Wellen.
Parallel dazu habe ich die Weiterbildung in KUNSTgeragogik in Wolfenbüttel gemacht, ein Jahr lang im ländlichen Raum an einer Grundschule als Kulturvermittlerin (offiziell als Sozialhelferin) im Ganztag gearbeitet sowie im Sportverein Kindertanzkurse angeboten. Was bleibt aus dieser Zeit an der Schule besonders in Erinnerung ? Kinder, die mit meiner Unterstützung ihre eigenen Tänze entwickeln und stolz vor einem Publikum präsentieren. Und leider auch, wie viel Konkurrenz und Druck schon in einer Grundschule herrschen. Ich weiß, warum mir die Rolle als Tanzvermittlerin so gefällt : Es gibt kein Richtig und Falsch im Tanzen. Die Kinder werden in ihrer individuellen Ausdrucksweise geschätzt und gefördert. Sie zeigen sich mit dem, was sie sind. Ihre Selbstwirksamkeit wird gestärkt. Sie erweitern ihr Bewegungsrepertoire in ihrem Tempo und auf ihre eigene Art.
Weitere Stationen über den DAAD an der Uni in Abidjan sowie im Sozialen Bereich bei der Stadt Karlsruhe haben zeitweilig meinen Arbeitsfokus vom Tanz auf andere Themen verschoben. Dafür konnte ich mich in der eigenen Tanzpraxis weiter ausprobieren und habe mit anderen zusammen 2019 das Konnektiv takt.los gegründet. Die Möglichkeiten unserer Zusammenarbeit wurden kurz nach unserem Zusammenschluss auch durch die Covid-Pandemie geprägt. Wir sind der besonderen Bedeutung vom öffentlichen Raum für Tanz und Performance dann umso mehr nachgegangen.
Nach mehr als drei Jahren in Karlsruhe bin ich weitergezogen, der Weg führte in die schwäbische Provinz, wo ich ein Jahr lang blieb. La vie au village – une expérience ! Tanzvermittlung und Begleitung von internationalen Freiwilligen in einer sozialen Einrichtung standen auf dem Programm. Aus persönlichen Gründen ging es zurück nach Karlsruhe. A propos Karlsruhe : man findet sie, die spannenden Ecken. Man muss nur lange genug bleiben !
Ich habe Lust, die Tanzvermittlungsszene in Karlsruhe weiter mitzugestalten. Ich möchte Menschen bewegen – egal ob jung oder alt, egal ob Körper mit Besonderheiten oder nicht. Hier ist noch einiges zu tun, damit alle, die wollen, sich auch wirklich im Tanz begegnen und ausdrücken können. Barrieren sind hoch und wir sind noch nicht genügend, um diese abzubauen. Vielleicht stehen wir erst da, wo NRW vor 20 Jahren stand...? Umso wichtiger ist es, dran zu bleiben - in diesem Bundesland voller ungenutzter Möglichkeiten.
Tanzvermittlung spielt mittlerweile die Hauptrolle in meiner Arbeit, wobei ich wahrscheinlich nie aufhören werde, diese zu formen und für mich immer wieder neu zu definieren. Klar ist : Ich habe eine Menge Freude daran, Groß und Klein das Tanzen als künstlerische Praxis zu vermitteln, Raum für individuelle Ausdrucksmöglichkeiten zu bereiten, und Impulse zu geben, die das jeweilige Bewegungsrepertoire erweitern. Ich bin keine Tänzerin mit einer klassischen Ausbildung, aber médiatrice und Tanzpädagogin nach iTP (integrative Tanz-Pädagogik). Ich vermittle keinen spezifischen Stil, sondern bringe Ideen, Techniken und Methoden aus der Improvisation und dem Zeitgenössischen Tanz mit. Was dabei entstehen kann, haut mich immer wieder um - zum einen, wenn ich selbst Teil vom Geschehen bin, zum anderen wenn ich in der vermittelnden Rolle bin. Ich mag den Switch von innen nach außen, den Perspektivwechsel, ungefähr so wie das Hin und Her zwischen Frankreich und Deutschland.
Après l’école, je me suis laissé porter, j’ai laissé les choses venir à moi, j’ai pris ou rejeté des décisions en toute connaissance de cause. J’ai souvent déménagé, motivée par ma curiosité de découvrir d’autres modes et lieux de vie. Entre 2013 et 2016, j’ai été très heureuse d’avoir Marseille et Hildesheim comme maison. Entre-temps, je suis bien enracinée à Karlsruhe, du moins pour "plus longtemps". J’y travaille en tant que médiatrice de danse indépendante et j’ai également un poste à l’Institut des langues étrangères de l’université. Avec Virginie, Eléonor ou Daria - toutes trois également alumni - je réalise régulièrement des projets communs de danse ou de danse-théâtre. Merci au double diplôme !
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