La vie est un mouvement - Lea Frauenknecht erzählt...

Jeden Tag, den die Pandemie schon länger bei uns ist, wird mir klarer, wie stark mich als Individuum die Räume definieren, in denen ich mich bewege. Dass die Räume, die mich bewegen, festhalten, die ich immer und immer wieder aufsuche, vielleicht das Element sind, das mich und meinen Werdegang am treffendsten zu charakterisieren weiß.

Wasser = Weite

Ich bin in einer kleineren baden-württembergischen Großstadt aufgewachsen, am Neckar, einem Fluss, auf dem zwar Tretboot gefahren werden kann, in dem vom Baden allerdings abgeraten wird.

Ich hatte schon immer ein Faible für die endlos weite Landschaft der dänischen Nordseeküste, die sich nicht mit meiner schwäbischen Herkunft vertrug. Die letzten Jahre meiner Gymnasialzeit habe ich in einer Stadt ohne viel Wasser verbracht, in der Kessellage der Alb, in der es gefühlt nicht genügend Luft zum Atmen gab. Mir war klar, dass ich nach dem Abitur gen Norden wollte, in die Weite, optimalerweise ans Meer.
Gelandet bin ich schließlich zuerst an der Ostsee, in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel. Im nördlichsten französischen Kulturinstitut der Bundesrepublik, aber in einer Stadt mit frankophilem Publikum und einer Kulturlandschaft, die zwar viele Kanäle kannte, aber nicht so uferlos schien, wie die Kulturszene einer größeren Großstadt es vielleicht gewesen wäre und in der Kooperationen daher immer sehr gut möglich waren.
In meinem Studium der deutsch-französischen Literatur- und Kulturstudien genoss ich in Berlin und Paris die Nähe zum Wasser als Ausgleich zum Studium, zum Generieren neuer Ideen und Perspektiven : Joggen entlang der Spree ; Spaziergänge an der Seine von der Bibliothèque Nationale zurück in die Uni oder vom Musée d’Orsay zu Notre Dame ; nach einem Sommertag, den ich an Hausarbeiten schreibend in der Philobib der FU verbracht hatte noch kurz zur Abkühlung in die Krumme Lanke springen und dann die Fahrradtour nachhause ; oder an besonders unmenschlich heißen Berliner Sommertagen von morgens bis abends mit Picknickkorb und Lesestoff ausgestattet mit Freund*innen im Wannseebad liegen.
In Montréal merkte ich erst beim Blick auf den St. Laurent, das ich nun wirklich in dieser Stadt angekommen war, in der ich mich nachmittags, nach dem Deutschunterricht, mit meinen Schlittschuhen im Gepäck auf den Weg in den Parc Lafontaine, Parc Jarry oder auf den Mont-Royal machte, um dort vor Sonnenuntergang noch eine Runde auf einem der zugefrorenen Seen zu laufen.
In Hildesheim sind Hohnsen und Tonkuhle zu meinen Lieblingsorten in Pandemiezeiten geworden, zum Joggen und Spazieren nach langen Unitagen vor dem Computer, zum Baden, wenn es warm genug ist, oder, um in der Dämmerung zu beobachten, wie die Wasseroberfläche von Nebelfäden umgeben ist, wenn es frostig genug ist.
Mit Marseille schließt sich ein Kreis, der mit meinem ersten Umzug nach dem Abi begann : Zurück in eine Stadt am Meer ! Den Ausführungen zu Ästhetik und Kulturrecht lauschen, während über dem bâtiment des arts die Möwen kreischen und dort ins Theater gehen, wo andere in ihre Yachten steigen.

Bibliotheken

In wenigen Orten kann ich kontinuierlich so viel Zeit verbringen wie in Bibliotheken, stundenlang, tagelang, immer und immer wieder. Von unendlich großen, schriftlich fixierten Wissensmengen umgeben zu sein, ist ein Gedanke, der mich beruhigt.

Egal, ob ich gerade in einer Hausarbeit oder in einem anderen Projekt versunken bin : Ich arbeite am besten, am effektivsten, wenn um mich herum andere Menschen in ihren Forschungsprojekten vertieft sind, neben sich einen Bücherturm, den sie am Ende des Tages wieder zum Ausleihtresen zurückbalancieren werden.
Bibliotheken geben mir die Möglichkeit, selbst Wissen und Theorien zu generieren, neue Perspektiven zu entdecken, noch in der in der Regel sehr breiten Phase der Literaturrecherche vor einem bestimmten Regalbereich zu stehen und links und rechts, oben und unten auf den Einbänden nach neuen Schätzen und Entdeckungen Ausschau zu halten. Zu überdenken, zu verwerfen, irgendwann den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen und schließlich eigenständiges Wissen hervorgebracht zu haben.
Bibliotheken sind für mich aber nicht nur Lern-, sondern auch Lebensorte : Wie oft habe ich mit Freund*innen auf der sonnigen Außenterrasse der Bibliothèque Nationale de France gepicknickt, haben wir unsere Blicke über das Blätterdach der Waldanlage im Innenhof schweifen lassen, Ausschau nach den Ziegen, die dort éco-pâturage betreiben, gehalten und Pläne fürs Wochenende geschmiedet. Wie oft im Innenhof der philologischen Bibliothek eine Lernpause eingelegt, im Foyer der Bibliothèque et Archives nationales du Québec einen zu starken Americano oder eine Ahornsirup-Limo getrunken. In der Imbissbude gegenüber der Berliner Staatsarchive unsere persönlichen Veränderungen der letzten Jahre erörtert.

Der öffentliche Nah- und Fernverkehr
Station : Berri-UQAM. Correspondance vers les lignes vertes et jaunes. Die Métro kommt mit einem Ruck zum Stehen, die Türen öffnen sich nahezu geräuschlos und hunderte Menschen ergießen sich auf den Bahnsteig von Montréals zentralster Métro-Station, um ihre Wege fortzuführen : ins Studierendenviertel Quartier Latin mit seinen zahlreichen Bars und Cafés, in die Uni, in die Bibliothek, ins Village, auf die Ile St. Hélène oder zum Busbahnhof, Richtung Québec City, New York, Toronto oder Boston. Alles ist in Bewegung.

In jeder größeren Stadt, in der ich bislang gelebt habe, habe ich fast schon so etwas wie Zuneigung für den öffentlichen Nahverkehr entwickelt, aber warum auch nicht ? Die Montréaler Métro bringt mich am Sonntagmorgen zum Fußballtraining nach Hochelaga und dann auch wieder zurück, k.o. und mit blauen Flecken, wenn ich meine Schienbeinschoner mal wieder zuhause vergessen habe. Der Pariser Noctilien fährt mich sicher durch das nächtlich beleuchtete Paris, wenn es bei einem vin en terrasse oder im Kino mal wieder etwas später geworden ist. In der Berliner Ringbahn kann man lesend seine Runden drehen und immer wieder an den gleichen Orientierungspunkten vorbeikommen, die Linie 101 ist bekanntermaßen die Sightseeing-Tour. Noch dazu sind alle vergleichsweise umweltfreundlich, günstig und ich kann einer meiner heimlichen Lieblingsbeschäftigungen nachgehen : Menschen beobachten (aus einem rein soziologischen Interesse heraus, versteht sich).
Etwas anders verhält es sich mit dem öffentlichen Fernverkehr : Er ist zwar auch umweltfreundlich und meiner gesamten Zuneigung würdig, eignet sich aber mehr als zur Stadterkundung und Menschenbeobachtung besser als Ort, an dem man sich unter Umständen für mehrere Stunden einen bequemen Arbeitsplatz einrichten kann und zwischendurch den Kopf gegen die kühle Panoramascheibe lehnen, während draußen Felder, Felder, deutsche Mittelgebirge, wieder Felder, französische Kleinstädte (manchmal hält der TGV sogar in Forbach) und nochmal Felder vorbeiziehen.
Es ist der perfekte Zustand : ein produktiver Raum zwischen Räumen, ein Übergangszustand zwischen zwei Zuständen, dem Abfahren und dem Ankommen. Dem Abfahren in Berlin und dem Ankommen in Paris, dem Abfahren in Marseille, dann Mannheim und dem Ankommen in Hildesheim, dem Abfahren in Kiel und dem Ankommen in Zürich, dem Abfahren in Montréal und dem Ankommen in New York. Vorfreude auf ein Zuhause und Abschied von einem anderen, TGV, ICE, Adirondack und Thalys als Raum, in dem die eigene Vergänglichkeit erlebbar wird. Irie Révoltés würden singen : La vie est un mouvement – jamais un stop.


Le présent.

Coordinatrice de l’école doctorale Performing Sustainability – Cultures and Development in West Africa à l’Institut de politiques culturelles de l’Université de Hildesheim. Remplaçante dans la direction du Center for World Music de l’Université de Hildesheim (Octobre 2023 – Mars 2024).

Le passé.

Étudiante du double master en médiation culturelle des arts/ Kulturvermittlung (octobre 2020 – octobre 2022). Étudiante assistante dans la gestion de projets au Green Office à l’Université de Hildesheim et étudiante ambassadrice du PAD (Pädagogischer Austauschdienst).

Scolarité au Bade-Wurtemberg, service civique au Centre Culturel Français de Kiel, double licence en études interculturelles franco-allemandes/Deutsch-französische Literatur- und Kulturstudien à la Freie Universität Berlin et à l’Université Sorbonne Nouvelle (Paris 3) et séjour à Montréal (Québec) en tant qu’assistante de langue allemande.

Mentions légales RGPD
© Février 2020 - 9 mars 2026

Nous remercions l'UFA pour son soutien à la réalisation de ce site internet.